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No Pain, No Gain?

Leistungssport – Risiken und Nebenwirkungen

Was bewegt einen Leistungssportler dazu, trotz Verletzung weiter zu machen? Ist eine Medaille oder ein Finaleinzug die Schmerzen wert? Welche gesundheitlichen Folgen kann ein solches Verhalten haben?

Es ist der 6. August 2016. Die Halle in Rio de Janeiro ist mit 8000 Zuschauern gut gefüllt und wartet darauf, die besten Turner der Welt im Teammehrkampf zu bewundern. Der 25-jährige deutsche Meister und Hoffnungsträger Andreas Toba bereitet sich auf seinen Durchlauf am Boden vor. Er ahnt noch nicht, dass er nach diesem Tag als Held in die Geschichte der Olympischen Spiele eingehen wird.

Es ist die Qualifikationsrunde, jeder Punkt zählt, um das Teamfinale zu erreichen. Doch bereits nach der Eröffnungsbahn verletzt Toba sich am Knie und humpelt unter Tränen von der Wettkampfbühne. Vorläufige Diagnose: Kreuzbandriss. Bereits von den weiteren Wettkämpfen gestrichen, entschließt Toba trotzdem am Pauschenpferd anzutreten: „bandagiert mein Knie, ich muss da hoch.“ Er holt unglaubliche 14,233 Punkte, den Mannschafts-Bestwert, und ermöglicht seinem Team somit den Finaleinzug. Toba erklärt hierzu in einem Interview:

„Mir war halt klar, wenn ich die Übung nicht turne fehlt uns ein Punkt, und zum Schluss ist halt wirklich jeder halbe Punkt, jedes Zehntel entscheidend, um ins Finale zu kommen.“

Von den Medien wird er als Held gefeiert, die Teamkollegen, aber auch die Konkurrenz sprechen ihm ihren Respekt aus. Doch die Mediziner schütteln den Kopf. Was ist an diesem Vormittag in Andreas Toba vorgegangen? „Ich hätte es mir mein Leben lang vorgehalten, wenn ich es nicht versucht hätte“, antwortete er auf die Fragen der Reporter.

Man sollte meinen, dass nur einmalige Erlebnisse wie die olympischen Spiele, Spitzensportler dazu verleiten, ihre langfristige Gesundheit dem kurzfristigen Erfolg unterzuordnen. Doch Toba ist kein Einzelfall. Selbst in weniger bekannten und medienwirksamen Sportarten wird immer wieder von Leistungssportlern berichtet, die trotz Verletzung weitermachen. So zum Beispiel Ultimate Frisbee Spieler Peter Woodside, der sich im Verlauf eines MLU Ausscheidungsspiels nacheinander beide Arme brach und trotzdem weiter spielte.

In der Sportwissenschaft ist dieses Phänomen unter dem Namen Risk-Pain-Injury Paradox bekannt. Es beschreibt die Notwendigkeit an das körperliche Limit zu gehen, um Höchstleistungen zu erbringen, wodurch jedoch gleichzeitig das Verletzungsrisiko steigt. Die Risikobereitschaft der Leistungssportler wird zudem häufig durch ein Umfeld genährt, welches eine Wettkampfteilnahme trotz Beschwerden unterstützt. Laut der GOAL-Studie, ist das Verdrängen von Verletzungsrisiken und das Inkaufnehmen von gesundheitlichen Folgeschäden ein fester Bestandteil des Leistungssports. Prof. Dr. Ansgar Thiel schreibt in der deutschen Zeitschrift für Sportmedizin:

Spitzenathleten werden schon sehr früh in diese Kultur des Risikos hineinsozialisiert. Der Umgang mit Schmerzen und Krankheit im Spitzensport ist also Resultat eines längerfristigen Lernprozesses.

Im Fall Toba hatten die Verantwortlichen eine schwere Entscheidung innerhalb kürzester Zeit zu fällen. Der Mannschaftsarzt Dr. Hans-Peter Boschert sagt im Nachhinein: „Wenn man das Knie wirklich so fest taped, kann man es verantworten, dass er am Pauschenpferd Übungen turnt. Und lange Zeit zu überlegen hatten wir nicht. Andi hat das so für sich entschieden und ich habe die Entscheidung mitgetragen“. Dies zeigt den Konflikt, dem nicht nur der Sportler, sondern auch der Mediziner ausgesetzt ist.

Eine einzige schwere Verletzung kann im Leistungssport das Karriereaus bedeuten. Bei Andreas Toba war es die letzte Olympia Teilnahme. In diesem Licht ist die Entscheidung eines Sportlers, trotz einer Verletzung weiter zu machen, durchaus verständlich. Ob Andreas Toba tatsächlich langwierige Schäden durch seinen Einsatz davonträgt, lässt sich noch nicht sagen. Daher sollen diese Fragen im Rahmen des Head in the Game Projekts aufgegriffen werden. Wir wollen wissen: Führen Verletzungen und das Trainieren mit Beschwerden zu langfristigen Schäden oder sind die Sportler nur mit akutem Schmerz geplagt? Welche Verletzungen sind besonders prognostisch für Langzeitfolgen wie bspw. Arthrose? Durch Erkenntnisse der HITG Studie, sollen Sportler, Teamärzte sowie Trainer bei einem verantwortungsbewussten Umgang mit dem Thema Gesundheit im Leistungssport unterstützt werden.

Übrigens, neben dem internationalem Ruhm hat das Team rund um Andreas Toba kürzlich die Auszeichnung zum „Sportler mit Herz“ für ihr berührendes Engagement und ihren Teamspirit erhalten. Wir wünschen ihnen alles Gute!


HITG

Ziel von Head in the Game ist die Verbesserung der langfristigen Gesundheit von ehemaligen sowie aktiven Fußballspielerinnen und Leistungssportlerinnen. Hierzu untersuchen wir mögliche Auswirkungen einer Sportkarriere auf den Bewegungsapparat und die kognitive Leistungsfähigkeit nach Beendigung der Karriere. Das Projekt umfasst drei Studien, welche In Deutschland, den USA und den Niederlanden durchgeführt werden.

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